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Redebeitrag zur Eröffnung

By 23. Februar 2020März 13th, 2020No Comments

Ich habe mich erst einen Tag vor Ausstellungseröffnung entschlossen, selbst ein paar Worte beizusteuern, und deshalb so lange gezögert, weil es bisher nie mein Ding war, öffentlich zu sprechen. Stilles Licht, stiller Beobachter, haben wir gehört, stiller Kalle. Ich war 5 Jahre Messdiener und wurde mit 14 rausgeschmissen, weil ich das Vaterunser nicht auswendig konnte. Soweit zum Thema Sprachblokaden. Daher muss ich das hier jetzt leider ablesen. Ich gliedere meinen Text in 3 Abschnitte. Es sind, damit Sie wissen, was Sie erwartet: 6 Seiten in 14pt Schrift, Zeilenabstand anderthalb, Schriftart Calibri, dauert nicht lange.

1. Dank

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Dreier, ich freue mich besonders, dass Sie sich an so einem ereignisreichen Wochenende gerade für dieses Event entschieden haben und der Fotografischen Kultur im Stadtmuseum Ihre Anerkennung zeigen. Herzlichen Dank an die Entscheidungsträger und das Management im städtisch-musealen Gefüge, besonders an Dr Andrea Brockmann; dafür, dass Sie gemeinsam die Ausstellung befürwortet und für geeignet gehalten haben. Ein Dank geht vor allem an meinen Kurator und Mentor Markus Runte, der meine eigenen Bedenken ausgeräumt hat und mich wiederholt ermutigt hat, dieses Projekt durchzuziehen. Wer mich kennt, weiß, dass ich jetzt am liebsten rumgehen würde und auf jedem Foto darauf hinweisen würde, was mich stört, was nicht gelungen ist und warum es eigentlich aussortiert werden müsste, bis keins mehr übrig bleibt. Man hat mir aber geraten, das heute nicht zu tun. OK, später vielleicht. Für den coolen Jazz Soundtrack danke ich sehr gern Michael Driesner, der ihn komponiert, arrangiert und produziert hat. Ich bedauere, dass ich das nicht auch kann.

Natürlich danke ich auch euch und Ihnen, liebe Paderborner*innen und liebe Fotofreund*innen, dass ihr gekommen seid, dass der Karneval für euch heute notfalls 90 Minuten später weitergeht oder vielleicht sogar ausfällt.

2. Lieblingsorte

In den Medien – das sind der Flyer zur Ausstellung, der Katalog, die Pressemeldungen – ist viel vom Licht die Rede. Zum Fotografieren braucht man Licht. Dafür muss es aber nicht hell sein. Wenn man lange genug belichtet oder den ISO Wert erhöht, reicht auch sehr wenig Licht. In dieser Ausstellung haben wir uns auf Szenen in der Dämmerung mit künstlichem Licht beschränkt, und das macht die gemeinsame, sofort feststellbare Wirkung der Bilder aus. Auf das Licht will ich aber gar nicht weiter eingehen. Für das entscheidende Merkmal halte ich, dass gerade die Bilder, die dem Kriterium „Still“ entsprechen, an meinen Lieblingsorten entstanden sind. Ich beschränke mich hier mal auf die Nennung von drei Lieblingsorten, die ich mit a) b) c) gliedere, und Sie werden merken, dass mir die präzise und  wiederfindbare Lokalisierung wichtig ist:

Lieblingsort A): Der Stadtraum entlang der Pader aus der Innenstadt heraus bis nach Schloss Neuhaus. Hier sind viele Aufnahmen entstanden, die aber mit einigen Beispielen eher im Katalog vorkommen und weniger in der Ausstellung. Noch mehr davon befinden sich im Blog zur Ausstellung. Auf die Presse-Frage, was mich an Paderborn besonders fasziniert, habe ich geantwortet : Der Dom und die Pader. Ich selbst wohne 293 Meter von der Pader entfernt, und in meiner Schloss Neuhäuser Zeit waren es 45 Meter. Ich sollte unbedingt dem Verein der Freunde der Pader beitreten, vielleicht mache ich das bald.

Lieblingsort B): Das Gebiet nördlich der Innenstadt, unmittelbar an der Kante zum Ükernviertel. Die Präferenz ist neu, und Fotos davon sind in dieser Ausstellung nicht vertreten. Das nachfolgend skizzierte Gebiet Maspernplatz müsste fotografisch noch erschlossen werden, womit ich aber schon angefangen habe.

Ich kaufe gerne bei einem Supermarkt am Beginn der Detmolder Straße ein, und den Weg dahin nehme ich mit dem Fahrrad: Neuhäuser Straße, Paderstraße (JohannisStift), unter der Paderbrücke hindurch, immer mit der Sorge, die Pader könnte wegen der klimawandelbedingten Dürre ausgetrocknet sein, dann kommt der wundervoll und sehr gelungen neu gestaltete Auenpark zwischen Paderhalle und dem Bürokomplex Jacobi, der mit bemerkenswertem Engagement um die entkernten Mauern des früheren Kapuzinessenklosters entstanden ist, welches wiederum später als sogenanntes Landeshospital manchen Paderborner*innen noch bekannt sein dürfte. Hier wurden mir 1966 die Mandeln „rausgenommen“, weil das damals in Mode war. Das ist noch gar nicht so lange her.

Pader und Mühle mit Café

Wo war ich stehen geblieben ? Ach ja, bei Lieblingsort B. Hier an der Nahtstelle zum inneren Kern der Kernstadt ist ein ständiges, aufregendes Vibrieren zu spüren. Touristen kommen in Autos und Bussen an und stürzen sich erwartungsvoll in die City. Paderhallen-Besucher in gehobener Stimmung tummeln sich, rauchend oder nichtrauchend. Sparkassenkunden, Hotelgäste, die Jugend. Weiter geht die Fahrt zwischen den endlich wieder kunstvoll illuminierten Stadtmauertürmen und der verwunschenen Jugendherbergsburg entlang zur Heiersstraße, und weiter zur Detmolder, die für sich wegen ihres hohen Trash-Gehalts einen weiteren Lieblingsort darstellt. Das nur am Rande.

Lieblingsort C): Der Streifen Bahngelände zwischen der Einmündung Rolandsweg in die Nordstraße und Abzweig Dr-Röhrig-Damm von der Nordstraße. Dieses Gebiet ist in der Ausstellung und im Katalog mit mehreren Beispielen vertreten. Für mein favorisiertes Foto – es hängt in Groß in der linken Ecke – zitiere ich kurz aus dem vorhin bei Lieblingsort A) erwähnten Blog:

Einmündung Rolandsweg / Nordstraße im winterlichem Regenwetter · Ende 1990er Jahre

Im Bild werden mehrere Elemente zu einem Lieblingsort komponiert: Die alte Brücke über die Gleise des Nordbahnhofs, abgestellte Güterwagen des alten Holzverladeplatzes, ein Autozubehör-Lagerschuppen, ein Werbepylon der elf-Tankstelle, welche als letzte Paderborner Bezugsstätte für Zigaretten der Marke Attika galt – ich weiß das von jemand, der sie dort kaufte, bis er sich das Rauchen abgewöhnte.  Dieser Ort ist bis heute ein beliebter Schleichweg für den innerstädtischen Verkehr nordöstlich der Innenstadt. Für die Anwohner vielleicht lästig, für mich ein belebter Ort, an dem man nicht bleibt, aber gerne und häufig vorbei kommt. Wenn ich Z.B. mit dem Auto von Blumen Risse an der Karl Schurz Straße nach Hause fahre, und jemand vor mir ist, weiß ich, dass das die ganze Strecke nun so bleibt. Steubenstraße, Detmolder, Hermannstraße, Nordstraße, Rolandsweg. Immer vor mir. Erst an der Kreuzung Fürstenweg/Neuhäuser Straße biegt dieser „Jemand“ in Richtung seines Fahrziels, wahrscheinlich Elsen, ab. Zurück zum Foto: Die Lichter des trüben Tages setzen der Szene einen schönen Glanz auf.

Das Gebiet war in einem als „beendet“ empfundenen Entwicklungsstand angekommen, lange Zeit tat sich hier nicht viel. Gleise, ein paar wechselnd genutzte Schuppen, die besagte elf Tankstelle. Urbane Schläfrigkeit. Ein offener Raum, den man durchaus städtisch geprägt wahrnahm, und der gleichzeitig eine weite Perspektive bot. Im Moment des Bildes sorgt hohe Luftfeuchtigkeit für eine räumliche Staffelung zwischen Vorder- und Hintergrund.

Ein schönes Spannungsverhältnis zwischen oberflächlicher Langeweile und subtiler Verheißung – und das heute noch ! Die westlichen Gleise nahe der Nordstraße wurden entfernt, vor allem das Gleis, welches diagonal und gefährlich für Radfahrer über die Straße zur sog. „Bäuerlichen“ führte. Inzwischen ist sichtbar Gestrüpp zu Gehölz hochgewachsen. Die Brücke selbst ist nicht nur höher, sondern wegen der reduzieren Gleisanzahl kürzer geworden und hat längere Dammflanken bekommen. Falls die vor einiger Zeit bekannt gewordenen Pläne einer fortgesetzten Bebauung für weitere Cubes realisiert werden – links neben dem Nordcube bis zur Brücke – wird das Bild nochmals ein ganz anderes sein. Der Nordcube selbst ist für mich ein gelungenes Beispiel urbaner Verdichtung. In dem integrierten  modernen Café – darf ich, ohne die Bedeutung von Lange, Benslips und Mertens zu schmälern – den Namen Goeken Backen nennen ? – kann man frühstücken und dabei internationale Atmosphäre schnuppern, denn durch die großen Glasflächen lässt sich gemütlich beobachten, wie halbstündlich die Maschinen der Nordwestbahn von und nach Bielefeld landen und starten. Man braucht Paderborn gar nicht verlassen.

3. Technik

Ich spreche gern über Technik. Die Fotos sind mit Hasselblad Kameras entstanden, von denen eine mit Zubehör in einer Vitrine im Vorraum ausgestellt ist. Die andere habe ich versehentlich bei Hochwasser auf Schloss Neuhäuser Gebiet in der Pader versenkt, und das war gar nicht schlimm, denn als Katholik weiß ich: Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen und sich was dabei gedacht. Die Hasselblad war mechanisch. Man konnte mehrere Filmmagazine im Wechsel verwenden, z.B. für Schwarzweiß und für Farbe.

Der Film wurde anfangs separat von der Verschluss-Spannung von Hand weitergedreht, und die Richtige Position im Magazin durch ein Guckloch überprüft. (Wen das nicht interessiert, bitte einen Moment weghören). (Vorführung Magazin) Nicht zu vergleichen mit einer modernen Kamera wie meiner Nikon FE von 1978, die mit einer Daumenbewegung den Verschluss spannte und gleichzeitig den Film exakt ein Bild weiter transportierte. (Vorführung Nikon FE) Fotografiert wurde nur vom Stativ. 100 ISO, wenn‘s scharf sein sollte 50 ISO, Blende 8. Man kam auf Belichtungszeiten von 0,5 bis 15 Sekunden oder länger. Der Film mit 12 Bildern kostete bereits beim Kauf eine Stange Geld, anschließend bezahlte man für das Entwickeln (bei der Paderborner Firma IMAG) und für die Diarahmen und Journale, die ebenfalls in der Vitrine gezeigt werden. Alles in DM.

Bei dem Pressegespräch am Mittwoch hatte ich eine Frage erwartet, die aber nicht kam: „Fotografierst du immer noch analog ?“ Das hatte ich mich im Rahmen dieses Projekts schon selbst gefragt und im Oktober 2019 vorsorglich eine Antwort auf meine Facebook Seite geschrieben, die ich hier zitieren möchte:

O-Ton Facebook:

Ich werde oft gefragt, warum ich immer noch analog fotografiere, und nicht digital. Die Antwort ist ganz einfach: Es gibt nichts Besseres. Die Fotos sind schärfer, haben natürlichere, lebendigere Farben und man muss und darf nicht beliebig rumballern, sondern fotografiert bewusst, gezielt, aufmerksam und nachhaltig. Meine alte Nikon FE (kennen Sie jetzt bereits) gehört zu den besten Kameras, die je gebaut wurden. Ich kann die Fotos ohne Computer und Cloud und was weiß ich „ewig“ aufbewahren und ohne jede Technik anschauen. Darum, und dabei bleibt es auch. Hm. Und was ist mit Facebook-Fotos, die sind doch digital ?

Ebenfalls ganz einfach: Meine Dias fotografiere ich noch mal auf Negativ-Film ab, lasse bei Rossmann Abzüge herstellen und scanne die dann ein. Auch hierbei hat man alles unter Kontrolle.

Ende Facebook Zitat.

Mit dieser kleinen Schreibübung wäre eigentlich alles gesagt. Ich danke für Ihre Geduld und wünsche viel „Spasss“, wie man in Paderborn sagt, beim „Bekucken“, wie meine Schwiegermutter es gesagt hätte, die aber zur Zeit nicht hier, sondern im Himmel ist.