Initial-Foto zur Ausstellung: Durchgang vom Abdinghof zum Franz-Stock-Platz mit der Untergeschoss-Verglasung im „Pavillon“-Stil. 1980er Jahre, damals Teil des Einwohner-Amtes

Zur Ausstellung „Das stille Licht der Stadt“ möchte ich an dieser Stelle eine eigene Sichtweise hinzufügen. Im Zusammenhang mit einem anderen Projekt hatte ich dem Stadtmuseum ein Foto  vom offenen Durchgang unter dem „Bürgermeisterflügel“ der Stadtverwaltung zukommen lassen, auf dem die bemerkenswert elegante Verglasung im Stil der 1950er Jahre zu sehen ist. Weitere „Mittelformat“-Dias mit Paderborn-Motiven aus den Jahren 1982 bis 2000 rückten daher ebenfalls in das Interesse des Museums. Die Idee einer Ausstellung entstand. Die Auswahl der Bilder wurde auf Motive beschränkt, die in der Dämmerung zeigen, auf denen die späte Tageszeit und künstliche Lichtquellen bildbestimmend wirken. Für die Idee des Ausstellungstitels von Markus Runte „Das stille Licht der Stadt“ – auf den ich selber nicht gekommen wäre – bin ich sehr dankbar. Er trifft das Thema mit 5 Worten perfekt.

Motive und Motivation

Tägliche Perspektive:
Seit 1985 ein liebgewonnener Anblick. Ich komme aus dem Haus, biege mit dem Rad auf dem Weg „in die Stadt“ rechts zur Neuhäuser Straße ab und sehe, immer wieder begeistert, den Domturm.

In Paderborn-Büchern, -Prospekten und -Ratgebern sind in der Regel die schönsten Sehenswürdigkeiten abgebildet, beginnend bei Dom und Rathaus, ebenso Kirchen, Museen, die Uni, Ausflugsziele, Paderauen, vorzeigbares Gewerbe und das Freizeitflair bei schönem Wetter und in lauschigen Nächten – Paderborn überzeugt. Meine Motive und Ziele waren Lieblingsorte der anderen Art, mit Ausnahme des Paderborner Doms, der für mich mehr bedeutet: Lieblingsort und Sehenswürdigkeit. An den Orten, die ich aufsuche, bin ich nicht abwesend, stehe dann vielmehr abseits als ruhiger Beobachter stiller Szenen. Mit Hilfe der Fotografie habe ich mein Bild vom Gefüge der Stadt prägen können.

Fotografische Schlüsselmomente

  • Im Jahr 1966 nahm ich an einer Jugendfreizeit der AWO im Allgäu teil. Während der nächtlichen Anreise mit der Bahn konnte ich mich an den flüchtig vorbeihuschenden fahlen Beleuchtungen durchfahrener Bahnhöfe und Ortschaften nicht sattsehen. Ein lebenslang prägendes Erlebnis, das sich dort erstmal zeigte: Das stille Licht der Bahnhöfe. Niemand, der sich draußen in der leeren Nacht aufhielt – trotzdem wurde und wird beleuchtet, für alle Fälle und Notwendigkeiten.
  • In den frühen 1980er Jahren begeisterte mich in einer Ausgabe des Wochenmagazins „Der Stern“, damals bekannt für seine anspruchsvollen Bildstrecken, eine fotografische Spurensuche zu den Inspirationsquellen des Roman- und Kriminalautors Georges Simenon, zu der sich ein Stern-Fotograf in die einsamen Bezirke des nächtlichen Lüttich begeben hatte.
  • Ein Kalender der damaligen West LB (Westdeutsche Landesbank), mit ungewöhnlichen, großformatigen Fotos von nächtlichen Autobahnen, Industrie- und Stadtlandschaften in NRW.
  • Fotograf Reinhard Wolf mit 8×10 inch Kamera in Hamburg, 1980er Jahre · Foto aus ZEIT Magazin

    Von solchen Vorbildern inspiriert, wollte ich fotografisch die urbanen Qualitäten Paderborns finden. Faszinierend waren die
    Architekturfotos von Reinhard Wolf (†1988), der in freien Arbeiten auf 8 x 10 Inch Material in Hamburg und New York fotografierte, sowie die Landschaften von Alfred Seiland.

Lieblingsorte

Beim Strukturieren der Bildmotive für die Ausstellung wurde eine Konzentration auf nur wenige Stadtbereiche deutlich:

  • Bahnhof / Bahnhofstraße
  • Frankfurter Weg
  • Detmolder Straße / Nordstraße
  • Dom im Stadtbild
  • Bahnanlagen
  • Entlegenes in der Kernstadt
  • Cold Spots (gewissermaßen das Gegenteil von Hot Spots) in städtischen Randbereichen, vorzugsweise Schloss Neuhaus.

Ein Lieblingsort nach meinem Geschmack ließe sich wie aus dem Katalog zusammenstellen: Eine Straßenkreuzung, flankiert von einer Bahnlinie, einem Kanal, einem Getreidespeicher und einer Tankstelle. In der Realität ist es nicht so einfach. Entscheidend für dieErkennung und Klassifizierung „Lieblingsort“ sind subtile Eigenschaften, die sich kaum erklären lassen – Intuition und Gefühl sind entscheidend.

elf Tankstelle, Nordstraße, 1990er Jahre

Die Tageszeit, das Licht, der Stadtraum

Der beginnende oder fortgeschrittene Abend war die Zeit, die für mich fotografisch spannend wurde – und immer noch ist. Wird die Szenerie abends dichter, klarer, erkennbarer, vielleicht noch schöner? Von allem etwas. Die gesuchte Urbanität, so meine ich, kommt insbesondere in der all-abend- und nächtlichen Illumination zum Vorschein. Nachts geht das Leben weiter, nur anders, der Abend kündigt stets die Nacht an, und wenn man Glück (!) hat, wird es den ganzen Tag nicht hell.

Bei einer Beerdigungszeremonie auf dem Schloss Neuhäuser Waldfriedhof fiel mir in der Ansprache des Geistlichen die Sentenz auf „… das Grundrauschen im unendlichen Mahlstrom der Zeit …“. Dieser für den Geistlichen hörbare Mahlstrom wird für mich im urbanen Licht sogar sichtbar. Es sind im wahrsten Sinn des Wortes „Lichtblicke“.

Die kommunal bereitgestellte Beleuchtung im Stadtgebiet bleibt stets verlässlich eingeschaltet. Diese zivile Lichtkultur bedeutet mir viel: Normalität und Kontinuität – irgendwie geht es immer weiter. Für einen nachhaltigen Impuls reichen eine einsame Hofleuchte, eine in die Jahre gekommene Reihe von Straßenlampen, eine kalt illuminierte Reklame oder entfernt vorbeigleitende Autolichter in der Dämmerung, die den Blick auf sich ziehen und die Magie des Ortes aufscheinen lassen.

Gesteigert wird die Bildwirkung bei Straßenszenen durch Regen. Mit der Fotografie hat sich meine Wahrnehmung von Regen dauerhaft positiv verfestigt – er macht mich fröhlich, ich gerate in Hochstimmung, unternehme Radtouren, und es wäre erst dann genug (jetzt bitte etwas Polemik zugestehen), wenn das Wasser nicht mehr unter der Brücke am Paderwall durchpasst! Leider ist Regen nicht umstandslos kompatibel zu Fotoausrüstungen, und daher sind entsprechende Ergebnisse auch bei mir nur die Ausnahme.

Warum eine Ausstellung?

Die überwiegend in den 1980er- bis 1990er Jahren entstandenen Bilder erreichen mit mindestens 20 Jahren zeitlichem Abstand noch die Erinnerung vieler Paderborner, die entweder eine weitgehend unveränderte Übereinstimmung mit der heutigen Realität feststellen können oder auffallende Unterschiede zwischen damals und heute, denn die Zeit hat überall ihre Spuren hinterlassen. Was ist verschwunden, was ist geblieben? Die Bilder zeigen keine Abstraktionen, keine tieferen Details oder gar Geheimnisse, sie sind nicht künstlerisch überhöht, sondern allesamt wiedererkennbar. Die Blickrichtung geht an Sehenswürdigkeiten und Naturmotiven vorbei, hin zu den für Paderborner wiedererkennbaren Stadträumen. Dass die meisten Fotos menschenleer sind, war keine Absicht, sondern eine Begleiterscheinung von Ort und Zeit. Für den (Rück-)Blick auf die Stadt begebe ich mich gerne in ihre äußeren Randbereiche, soweit sie ihre Wirkung bis dorthin ausstrahlt und eine Rück–Vergewisserung möglich macht.

Technik

Schlossstraße · 1990 · Das letzte Bild mit der zweiten Hasselblad. Unmittelbar danach verschwand die Kamera in der Pader

Die Bilder der Ausstellung entstanden mit 2 von 3 Hasselblad 500CM. Die erste von 1974 habe ich 1978 verkauft, weil ich glaubte, mit zwei Nikons genauso gut zurecht zu kommen. Irrtum! Die zweite Hasselblad habe ich bei einem Einsatz an der Brücke neben der ehemaligen Schöningh-Mühle in Schloss Neuhaus versehentlich in der Hochwasser führenden Pader versenkt – ein Opfer, das mich nur einen kurzen Moment schmerzte.

Die dritte 500CM steht in der Ausstellung in einer Vitrine. Sie „lebt“ leider nicht mehr. Objektive: 50 mm, 80mm, 150mm, 180mm, 500mm. Gossen-Spot-Belichtungsmesser. Gitzo Stativ. Ektachrome und Fujichrome 120er-Rollfilme, entwickelt bei IMAG, Paderborn.

Vielen Fotos zugute kamen seinerzeit die Eigenschaft der Diafilme, das Licht von Leuchtstoffröhren (volktümlich: „Neonlicht“) auffallend grünstichig darzustellen. Diesen Effekt habe ich mir immer gerne zunutze gemacht. Die Beispiele in der Ausstellung zeigen es

Ungenauigkeiten in der Datierung waren bei einigen Bildern nicht vermeidbar.

Betrachtungen und Hinweise zu 10 ausgewählten Fotos

2.

Bahnunterführung am Hilligenbusch. 1980er Jahre. „Bahn“ ist für mich, wie auch für unzählige andere Bahnfreunde, immer magisch und aufregend. Leider fährt gerade kein Zug durch das Bild. Die Reste von Schnee waren für das Foto nicht entscheidend, eher die mit einfachen Mitteln gebauten technischen Einrichtungen: Ein kurzer, beleuchteter Tunnel unter dem Gleis der Bahnstrecke nach Altenbeken, die mit beweglichem Gitter ausgestattete Schranke der Bahnlinie der Sennebahn, das als kleine Landmarke und technisches Denkmal über dem Tunnel errichtete Gebäude für irgendeinen Streckenüberwachungsposten, dessen genauen Zweck ich nicht recherchiert habe. Vor allem kommen sich hier zwei unabhängige Bahnstrecken nahe.

Veränderungen: Das Bahn-Gebäude WP2 wurde abgebrochen, die Schrankenanlage erneuert.

5.

Lippe Mühle Hamelmann an der Lippebrücke Mastbruchstraße. 1990er Jahre. Mühlen, Speicher, technische Denkmäler des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ziehen mich immer an. Der Mühlenlook ist nur minimal ausgeprägt. Links der Speicher- und Produktionstrakt mit Spitzgiebel und altertümlich-streng gegliederten Fenstern, rechts der Wohntrakt mit eher unsensibler Fenstergestaltung. So genau und kritisch habe ich das damals nicht gesehen. Faszination-auslösend kamen mehrere Einflussgrößen zusammen: Die erhöhte und privilegierte Aufnahmeposition von der „neuen“ Lippebrücke mit Sicht auf die alte. Das herbstliche oder winterliche Dämmerungslicht im Südwesten. Die Rollen des Lippe-Wehres als Zeichen einer wassertechnischen Einrichtung. Vor allem aber das scheinbar zwecklos angeschaltet gebliebene Leuchtstoffröhrenlicht unter dem Vordach der Laderampe als stiller Bote einer intakten handwerklichen Betriebsamkeit.

Veränderungen: Als Mühlenbetrieb nicht mehr aktiv.

8.

Davids Grill, Frankfurter Weg. 1990er Jahre.

Ich brauchte mehrere Anläufe und Fehlbelichtungen, bis das Zusammenspiel von äußerer und innerer Beleuchtung der Grill-Bude und des SB-Möbelmarktes passte. Der Orangeton der Fassade wurde von der Straßenbeleuchtung eines bestimmten Lampentyps hervorgerufen und ist in der Wahrnehmung im Foto stärker als er in der Realität war. Eher schon fiel die rötliche Innenbeleuchtung auf. Die karge, ohne professionelle Gestalter geschaffene Inszenierung des gastronomischen Betriebes erinnert an Szenen in den Gemälden Edward Hoppers und wäre heute wohl nicht mehr möglich. Das Möbelhaus im Hintergrund erfreute sich einer farblich kontrastierenden kalten Außen-Illuminierung als verkaufsfördernde Maßnahme.

Veränderung: Grill und Möbelhaus existieren nicht mehr. Das Gewerbe- und Handelsgebiet Frankfurter Weg ist stärker verdichtet und auf eine Kundschaft ausgerichtet, die gerne mit dem Auto vorfährt. Anstelle des Grills findet man hier einen Neubau „Swiss Sense Boxspring Betten“.

9.

Nächtliche Ostseite des Doms am Domplatz. Ca. 1984. Bei dichtem, tiefem und gleichförmigem Wolkenbild, das tagsüber so kalt, grau und deprimierend wirkt, sind in der abend- und nächtlichen Stadt immer gute Fotos möglich – der Himmel wird nicht schwarz und schafft im Zusammenspiel mit Straßen- Haus- und Werbebeleuchtung üppige Lichtverhältnisse. So auch bei dieser einsamen nächtlichen Szene am Domplatz. Als sichtbare Lichtquellen treten nur die merkwürdigerweise eingeschaltete Innenbeleuchtung des Diözesanmuseums sowie eine kleine Außenlampe am Dom-Eingang zum „Atrium“ hervor. Die relative Helligkeit der Szene ist den oben beschrieben Umständen zuzuweisen, die Langzeit-Belichtung trägt ihren Teil bei. Bis zum Morgengrauen scheint die Zeit still zu stehen. Das stille Licht vermittelt an diesem Ort verlässliche Ruhe „ohne besondere Vorkommnisse“. An Nachtsicht-Ferngläser erinnert der nahezu monochrome Grünton des Bildes, welcher allein auf die Reaktion des Diafilms auf die Beleuchtung zurückzuführen ist und nicht etwa einer nachträglichen Bildbearbeitung zu verdanken ist.

Veränderungen: Neugestaltung der Platzoberfläche, Erneuerung des Domdaches. Permanent mehr Autos.

10.

Hotel Krawinkel, Karstraße Ecke Geroldstraße. 1980er Jahre. Die anerkannte Stilistik der 1950er Jahre erfreut sich seit langem einer gefestigten Beliebtheit. Für das Design wurden gerne farbige, filigran geformte Leuchtstoff-Werbemittel, polygonal-dynamische Flächenformen, runde Ecken, goldig-eloxiertes Aluminium (welches man nur noch gerissen-verkratzt kennt), vertikale Lamellen, Staffelgeschosse und mit flotter Handschrift entworfene Schriftzüge verwendet.

An der Fassade des Hotels Kranwinkel hat man diese Formensprache nicht auf die Spitze getrieben, das Gebäude auch nicht unter Denkmalschutz gestellt. Dennoch entfaltete das Haus seine Wirkung, vor allem in den dunklen Tagesbereichen. Die vertikal angeordneten Buchstaben der HOTEL Leuchtwerbung (an der Geroldstraßenseite horizontal angeordnet) leuchteten Blau, in einer Helligkeit, die sich so nicht fotografieren lässt, und deren Farbigkeit daher nur indirekt in den Reflexen erkennbar ist. Unter dem schräg gestellten Pultdach mit einer Lamellen-holzverkleideten Sockelzone ist eine umlaufende Röhren-Beleuchtung angebracht. Der Empfang bzw. der Gastraum strahlt Gemütlichkeit aus, und man möchte spontan eintreten und ein Zimmer mit „fließend warmem Wasser“ buchen. Eines der Zimmer ist bewohnt, abgeschirmt durch eine Gardine. Zigarettenautomat, Stromverteilkasten und Eis-Fahne stören den Reinheitsgrad der Optik wohl nur in meinem persönlichen Empfinden. Über sowas sah und sieht man achtlos hinweg.

Veränderungen: Umbau, Neugestaltung und Umnutzung des Hauses.