Kann Spuren von Kirche enthalten

FAQ

Was ist die Manifesta ?

Sie selbst schreibt im Abschnitt „Über“ : Manifesta – die Europäische Nomadische Biennale findet alle zwei Jahre an einem anderen Ort in Europa statt. Auf Einladung der Gastgeberstädte und -regionen wendet sich die Biennale mit künstlerischen Projekten, urbanen Experimenten, architektonischen Interventionen und einem breiten Vermittlungsprogramm an ein regionales und internationales Publikum. Schirmherr ist Bundespräsident Frank Walter Steinmeier.

Laufzeit der Manifesta 16

21.6.–4.10.2026 mit Ausstellungen, Installationen, Veranstaltungen in, an und um 12 (ehemaligen) Kirchen in Bochum, Duisburg, Essen und Gelsenkirchen. Einritt frei. Katalog. Umfangreiche Informationen auf der Homepage manifesta16.org/de , von der ich die Fakten und Informationen zu den Orten, Exponaten und Mitwirkenden entnommen habe.

Informationen vor Ort

An allen Orten gibt es gleichgestaltete Informationen zu den Kirchen, zu den Exponaten und Künstler*innen in der Reihenfolge 1. Englisch und 2. Deutsch. Auf Tafeln, Kein umständliches Hantieren mit QR Codes – Danke dafür.

Ich werde wach

Mitte Juli 2026 werde ich durch einen Artikel in »Kultur West« auf das breit gestreute, multilokale Ruhrgebiets-Event Manifesta 16 aufmerksam. Echt 16 ? Da sind die ersten 15 seit 1996 wohl unbemerkt an mir vorbeigegangen. Ich bin nicht leicht zu begeistern, meistens skeptisch und eher vielseitig desinteressiert. Dennoch hat es vierfach geklingelt :

  • Veranstaltungsorte sind 12 aufgelassene Kirchen. Das spricht mich als Katholik an
  • Region ist das Ruhrgebiet. Ich liebe das Ruhrgebiet
  • Kunst, Architektur, Musik und Design liegen auf meiner Wellenlänge
  • Als „Medienwart“ des VCRK sehe ich eine Aufgabe vor mir – eben diesen Beitrag hier

Ansprüche und Vorstellungen

Bis auf eine (ev. Markuskirche in Essen) haben alle besuchten Kirchen ihre reguläre Aufgabe in mehreren Stadien eingestellt :

  • Zur Zeit ungenutzt
  • Entwidmet, entweiht, anderweitig kulturell genutzt
  • Verwendung ungewiss
  • Baldiger Abriss vorgesehen

Umbau, Verkleinerung, Diversifizierung des bisherigen Betriebs für kirchengemeindliche Zwecke sind nicht erkennbar. Da hatte ich mir mehr Hoffnung gemacht, zudem in vergangenen Ausgaben von alte und neue Kunst zahlreiche Beispiele gelungener Umnutzungen und Veränderungen von Kirchenbauten vorgestellt wurden. In den Manifesta-Texten wird von „Transformation“ gesprochen, abstrakt, allgemein, unbestimmt. Transformation kann, wenn man es positiv sehen will, nach durchdachten Konzepten, geordneten Prozessen und befriedigenden Ergebnissen klingen. Die Liste oben kommt der Realität wohl näher. Immerhin bringt die Manifesta eine Phase der besonderen Aufmerksamkeit für Publikum und Medien. Im Verlauf der Ausstellung gab es zahlreiche Veranstaltungen, die ich nicht besucht habe und deren Denkanstöße ich daher nicht mitbekommen habe.

Über die Intensität der sachlichen oder gar emotionalen Beziehung zu den Kirchenorten bzw. zur Institution Kirche der 107 Manifesta-Teilnehmende lässt sich nur mutmaßen.  Es wird wohl Akzeptanz- und Annäherungsprozesse gegeben haben, so wie etliche Teilnehmerinnen explizit die Gegegenheiten der Räume in ihre Konzepte einbezogen haben. Die Manifesta-Sprache ist in kirchlichen Bezügen nicht unfreundlich, aber vorsichtig, neutral und distanziert. Kirchliche Alltagsbegriffe wie Sakristei, Beichtstuhl, Liturgie, heilige Messe, Kommunion, etc. findet man nicht. Die Rede ist z.B. von nicht-öffentlichen Nebenräumen oder Ritualen. Dazu passt der provokante Titel der Manifesta 16:

This is not a church | Dies ist keine Kirche

Generell erfüllt mich eine aufgegebene Kirche mit Traurigkeit und Unbehagen, vor allem bei kirchenfernen Nachnutzungen, etwa als Sportstätte oder als Restaurant. Für mich bleibt sie ein Haus Gottes, so wie Getaufte Kinder Gottes bleiben. Das lässt sich nicht rückgängig machen.

Mein Erlebniskonzept

Auf die Fülle von Teilnehmenden mit einem Mehrfachen an Kunstwerken bzw.„Beiträgen“ kann ich mich nicht vorbereiten. Ich nehme mir vor, spontan zu bleiben und nur das an mich heranzulassen, was mir auf Anhieb keine emotionalen Barrieren in den Weg legt. Erkennbare Bezüge zum vorgefundenen kirchlichen Ambiente haben mein besonderes Augenmerk. Ich lasse mich also überraschen und konzentriere mich auf meinen fotografischen Blick und technische Belange. Verstehen kann ich das Gesehene und Erlebte – hoffentlich – später beim Lesen der recherchierten Informationen. Eingeschränktes Kunst-Verständnis: Es kommt praktisch nie vor, dass ich durch bloße Anschauung abstrakte künstlerische Hervorbringungen kognitiv im Sinne der Autorenabsicht oder der wortreich aufgetürmten interpretativen Ansprache von Vernissage-Laudatoren wirklich durchdringe und begreife. Erklärungen helfen, vielleicht nicht nur mir, und können womöglich Ablehnung in Zustimmung umwandeln. Andererseits : sich nur auf gewohnte Seh-Muster zu beschränken, bleibt ein riskanter Ansatz – wichtige Stücke, Details, Aspekte und Merkmale übersehe ich dann natürlich.

Auf jeden Fall ist die vorgefundene vielfältige Kirchenarchitektur ebenso spannend. Gerade, weil sie „in die Jahre gekommen“ ist. Vordergründig kennt man schon alles und kann flott urteilen. Ich stelle bekannte Muster, vergangene Trends und gängige Nachahmungen fest, aus denen sich eine Typologie ableiten ließe. In Kirchen aus den 1950er bis 1980er Jahren lasse ich mich daher gerne in die Vergangenheit zurückführen, inklusive Verunglücktem, Stilbrüchen, Mixturen und abgebrochenen Entwicklungen.

Reise 1

Die Homepage des Festivals ist komplex und anspruchsvoll zu navigieren. Ich finde zunächst keinen komfortablen Weg, um die Zuordnungen von Künstler*innen, Orten und Exponaten zu durchschauen. Wer stellt wo was aus ? Die Namen sind mir alle unbekannt – also abgekürzt gesagt : Was erwartet mich in den einzelnen Kirchen ? Am 18. September, zwei Wochen vor Schluss der Manifesta, geht es los. Wir sind zu zweit unterwegs und haben uns für heute eine Auswahl von 6 Kirchen zusammengestellt, je zwei in Bochum, Gelsenkirchen und Essen. Die Orte liegen alle dezentral, daher kann die Erreichbarkeit innerhalb der Öffnungszeiten von 11 bis 18 Uhr nur per Auto gelingen. Zwei weitere Kirchen, die in der City von Essen bzw. Duisburg liegen, könnten Parkplatz-Schwierigkeiten bereiten, daher gliedern wir diese von vornherein in eine zweite Reise aus, die dann mit der Bahn erfolgt.

10.52 Uhr – St. Ludgerus · Bochum

8 Minuten vor Öffnungszeit kommen wir nach einer Anreise von 124 km an. Vor der Kirche treffen wir auf Niederländer – ein Indiz dafür, dass die Manifesta ihre Wurzeln in den Niederlanden hat und dort wohl sehr bekannt ist.

Im Innenraum erwartet uns eine „Installation“, vordergründig mit Elementen eines Baketballfeldes bestückt, bestehend aus:

  • heller Kunststoffboden mit farblichen Begrenzungslinien
  • 3 hohe Stangen mit Basketball-Körben
  • Statt der üblichen Abprall-Fläche sind Fragmente von Flügel-Klavieren hinter den Körben montiert, deren Saiten von geworfenen Ball-Treffern einen Zufalls-Akkord ertönen lassen
  • aneinander montierte Tore oder Hürden
  • gespannte grobmaschige Netze zur Abtrennung des. rechteckigen „Spielfelds“ von den sonstigen Kirchenbereichen.

Lage
im Süden von Bochum-Ost, ruhige grüne Wohngegend ohne urbanes Flair

Baujahr
1966

Bautyp
„Scheune“ mit erweitertem Grundriss, größeren vertikalen Lichtbändern und architektonischen Verzierungen. An der Front- und Rückseite ist das Dach (mit Räumen darunter) symmetrisch fast bis zum Boden erweitert und wirkt wie ein Zelt.

Konfession
katholisch

Status
Geweihter Raum ohne laufende kirchliche Nutzung

Die Körbe sollen von 3 Seiten bespielt werden. Alle Elemente sind farblich in weiß-magenta grob gestreift. Durch die transparente Abtrennung des Spielfeldes vom Kirchenraun entsteht eine intime Atmosphäre mit angenehmer Ästhetik in beide Blickrichtungen – von innen nach außen und umgekehrt. Strahler, die wahrscheinlich nicht zum vorhandenen Inventar gehören, geben der Szene eine freundliche Helligkeit. Außerhalb des Netzes ist vor dem Altar eine Zuschauer-Tribüne errichtet – wie es aussieht, unter Verwendung von Teilen der Kirchenbänke.

Die Klanginstalltion Installation FAIL LOUDER von CaboSanRoque with FLEXO ARQUITECTURA Kollektiv

efüllt immer dann ihren Zweck, wenn nicht der Korb getroffen wird, sondern die tönende Abprallplatte, wenn Spieler*innen scheinbar Fehlwürfe erzeugen. Erfolg bleibt stumm, während Misserfolg Geräusche erzeugt. Klang erzeugt Bewegung, löst Handlungen aus und verwandelt jeden Versuch in hörbare Materie. Das Aufspringen von Bällen, Tritte, Rufe, das Quietschen von Sportschuhen auf dem Boden und der Nachhall der Strukturen bilden eine kollektive, sich ständig verändernde Vielstimmigkeit. Durch die Installation in der St.-Ludgerus-Kirche erhält die Arbeit eine neue Bedeutungsebene: Jedes Tor löst eine Note auf der Kirchenorgel aus. Was nicht mehr erklang – die Orgel, die Glocke, die liturgische Funktion des Raums, Menschen zusammenzurufen – taucht nun in veränderter Form wieder auf, ausgelöst durch das Spiel, durch Fehler und die Bewegung der Körper. Die Arbeit schlägt somit einen Schwebezustand vor, einen Raum zwischen Spielfeld und Kirche: einen neuen Ort der Gemeinschaft, der durch Fehler und Zuhören entsteht. (Homepage)

Das künstlerische Konzept in St. Ludgerus nimmt also deutlich Bezug auf die zentrale Eigenschaft des Raumes – nämlich eine Kirche zu sein, insbesondere eine gefährdete. Aus der Intention, mit den Mitteln der Kunst die als Verlust empfundenen fehlenden Klänge und akustischen Signale zu ersetzen, kann man ein Bedauern interpretieren.

Das touristische Rahmenprogramm

Unser Auto-Parcour verbindet die 6 Kirchen-Standorte nicht geradlinig, sondern gleicht einem Zickzackkurs, bei dem mir irgendwann der innere Kompass abhanden kommt. Es ist unglaublich, wie sich immer andere Ortschaften und Stadtviertel aneinander reihen bzw. durch Grüngebiete , Stadtbrachen und Verkehrsachsen getrennt sind. Bahngelände, lost Places und Siedlungen wechseln sich ab. Bin ich noch in Herne, oder schon in Herten ? Gehört Wattenscheid zu Bochum ? Je unspektakulärer das Bild von Stadt und Land, desto besser gefällt es mir. Wenige Zutaten reichen: Ein Lidl, eine Tankstelle, Matratzen Concord, ein paar Straßenbahnschienen, Döner, Pizza, und ich bin glücklich und dankbar. Staunend sehe ich Kühltürme, Strommasten, Brücken, Rohrleitungen, Bahngelände und ehemalige Fabriken mit eingeschlagenen Fensterscheiben. Die Dichte der Städte und Nachbarschaften bringt es mit sich, dass der Erlebnisstrom nicht abreißt, soweit man auch fährt. Immer wieder ähnlich, und doch jedesmal wieder anders. Übereinstimmungsmuster, die ich kaum erklären kann. Wir kommen an einigen Kirchengebäuden vorbei, ja, es gibt sie noch. Sie zählen nicht zur Manifesta – vorbei, schon wieder vergessen.

11.37 Uhr – St. Bonifatius · Gelsenkirchen

Gelsenkirchen mit 266.000 Einwohnern ist 105 km² groß, gilt als ärmste Großstadt in Deutschland und hat 2 Zentren : oben „Buer“ südlich der A2 sowie unten „Mitte“ südlich der A42. Die Kirche St. Bonifatius liegt ieher nördlich an der belebten Cranger Straße (B226). Google Maps sprach „Crange“ wie „cräinsch“ aus. Die Kirche im Stadtteil „Erle“ liegt durchaus attraktiv in einem kleinen Park mit guter Anbindung zur Straße mit Straßenbahntrasse, zu Geschäften und einem beliebten Bäckerei-Café direkt auf dem Gelände. Als erstes, noch vor dem Kirchenbesuch, kehrten wir dort bei „Zipper“ ein. Der Kirchenbau von 1963 weist besondere Merkmale auf. Auf den zickzackförmig angelegten Außenmauern verläuft unterhalb des Dachs rundum ein gläsernes Lichtband, das von keinerlei Stützen unterbrochen ist. Die  Dachkonstruktion, welche vom Kirchenraum aus betrachtet, die Oberflächenform von nach unten pyramidenförmigen Ausbuchtungen hat – vergleichbar etwa mit den ineinander verzahnten Backflächen eines klassischen Waffeleisens – ruht allein auf Betonstützen im Raum, nicht auf den Außenmauern. Dem Grundriss merkt man innen nicht an, dass es sich um eine Art „aufgerautes“ Rechteck handelt. Er ist im wahrsten Sinnes des Wortes „vielfältig“.

Lage
dezentrale östliche Mitte von Gelsenkirchen (Stadtteil Erle) an der B226

Baujahr
1963

Bautyp
Längliche „Halle° mit Außenwänden im Zickzack-Verlauf und Grundriss-Anmutung wie ein Spekulatius.

Konfession
katholisch

Status
Entweiht. Begegnungsort für Kunst

Die ausgestellten und installierten Kunstbeiträge beginnen an der Fassadenfront und auf dem Vorplatz der Kirche und werden thematisch nach innen getragen. 23 Namen sind aufgelistet. Ich befasse mich nur mit einer kleinen spontanen Auswahl. Viele individuelle Arbeiten mit persönlichen und gesellschaftlichen Bezügen, überwiegend Malerei, sind an gitterartigen schwarzen Trennwänden präsentiert, die den Raum durchziehen. Die vom Publikum beschrifteten und mit Kräutern aus den Hochbeeten draußen (der Installation von Bureau Baubotanik Kollektiv) gefüllten Teebeutel in wachsender Anzahl hängen im niedrigen Vorraum der Kirche schleierartig von der Decke.

Das Gebäude wurde im Rahmen von Urbane Künste Ruhr neu konzipiert. Diese Kunstorganisation verwandelte die ehemalige Kirche in einen lebendigen Treffpunkt und förderte dabei die enge Zusammenarbeit zwischen Künstlern, Anwohnern und einer breiteren Gemeinschaft von Interessengruppen.

Hinweis: Die in kursiv gesetzten Extrakte aus der Manifesta Homepage sind hier stark gekürzt und, wo nötig, semantisch angepasst.

Bureau Baubotanik Kollektiv

Tea ist eine performative Installation zur gemeinsamen Erkundung des Tees als kulturelle Praxis. Besuchende sind zu Aktivitäten mit den bereitgestellten Pflanzen und Werkzeugen eingeladen. Die beweglichen Hochbeeten auf dem Vorplatz können als aktive Elemente einer Performance mit einem Gabelstapler neu positioniert werden. [–] In einem Trockenraum können geerntete Pflanzen aufgehängt und konserviert werden; gleichzeitig dient er als sich ständig weiterentwickelndes Archiv, in dem Materialien, Absichten und Gespräche bewahrt werden. [–]

İhsan Ece

In der Serie Passbilder porträtiert Ece eine Gruppe von Männern aus seinem Istanbuler Umfeld.  Sie wurden als ausgebildete Ingenieure wurden Anfang der 1970er Jahre von einem deutschen Maschinenbauunternehmen als „Gastarbeiter“angeworben. Die Serie greift die Bildsprache offizieller Ausweisdokumente auf: Auf einem dunkelgrauen Bildhintergrund erscheint ein fotorealistisch gemaltes Porträt, begleitet von einem fiktiven Stempel mit der Aufschrift „Gastarbeiter“. Das Werk verbindet einen dokumentarischen Charakter mit subtiler Verfremdung und formuliert damit eine präzise Gesellschaftskritik in Bezug auf Migration, Bürokratie und Zugehörigkeit.

Füruzan

Während ihres DAAD-Stipendiums in West-Berlin 1975/1976 unternahm Füruzan eine Recherchereise ins Ruhrgebiet, um die Lebens- und Arbeitsbedingungen türkischer Bergleute zu dokumentieren.In Interviews sprechen die Männer von harter körperlicher Arbeit, Bergbauunfällen, Lohnungerechtigkeit, Angst und Heimweh. Entstanden ist eine eindrucksvolle Reportage, die dokumentarische Präzision mit literarischer Beobachtungsgabe verbindet. 

Merve Kaplan

Die Installation beschäftigt sich mit dem Übergangszustand zwischen Heimat, Ankunft und Rückkehr, vor dem Hintergrund der Geschichte der „Gastarbeiter“. Migration erscheint nicht als einmaliges Ereignis, sondern als andauernder Zustand. Durch ihre räumliche Gestaltung schafft die Installation eine Übergangswelt. Ihre Oberflächen tragen Gebrauchsspuren und wirken wie ein Tagebuch gelebter Momente und gemeinsamer Geschichten. Kachelnbedeckte Tische, die sowohl in deutschen als auch in migrantischen Haushalten üblich sind, dienen als Orte der Zusammenkunft und verkörpern Stabilität sowie vielschichtige kulturelle Bedeutungen. Yoldaş verleiht den emotionalen und räumlichen Dimensionen des Dazwischenseins Gestalt, hebt Gemeinschaft und Begegnung hervor und lässt dabei Fragen nach Heimat und Ankunft offen.

12.44 Uhr – St. Josef · Gelsenkirchen

In einem ruhrgebietstypischen ruhigen Vorstadtgebiet mit wenig Gerwerbe liegt versteckt bis zugewuchert von großen alten Bäumen an der Ückendorfer Straße, benachbart von der ev. Nicolai-Kirche, sowie einer als solche nicht erkennbaren Moschee und natürlich altem städtischen Baubestand : die katholische Kirche St. Josef, von der zunächst der vom üblichen neugotischen Schema  wohltuend abweichende Turm auffällt, mit einem starken Auftritt im Rahmen der Manifesta.

Das mittlere Kirchenschiff ist, begrenzt durch zwei Pfeilerreihen, mit einer durch ständige Luftzufuhr „aufgeblasenen“ blauen Kunststoff-Membran abgeteilt, auch die Decke nach oben. Damit ist kein visueller Gesamteindruck der eigentlichen Kirchenarchitektur mehr möglich. Durch zwei kleine Öffnungen kann der Innenraum betreten werden. Der folgende Manifesta-Text (von einer Tafel vor Ort entnomen) beschreibt die originäre Ausstattung, Ausgestaltung und Stilistik der Kirche als kontrollierend und manipulativ, die Installation dagegen temporär als befreiend und neutralisierend.

Der Boden im Raum ist mit einer Sandschicht gefüllt. Akzentuierte Lichter beleuchten spotartig verteilte Gestell-Installationen unter Verwendung von Kirchenbänken. Das großes Altarkreuz malt sich hinter der Folie ab, ebenso der Aufgang zur Kanzel. Das unten erwähnte Glockenprojekt wird auf einer Videowand im Chorbereich der Kirche abgespielt. Ein weiteres Projekt, welches mit Schulbeteiligung realisiert wurde und u.a. aus gebastelten, an Schnüren hängenden Insekten sowie einer 8 Meter großen, im Seitenschiff aufgestellten Heuschrecke, besteht. wird hier nur im Foto widergegeben aber nicht beschrieben.

Lage
im südlichen Stadteil Gelsenkirchen Ückendorf

Baujahr

1895

Bautyp
hohe dreischiffige neugotische Kirche. Der Kirchturm mit pfeilerartig verstärkten Ecken trägt auf eingezogener Fläche eine nicht allzu spitzes Pyramidendach.

Konfession
katholisch

Status
Profaniert

Penique Productions Kollektiv

Möglich unvorhersehbar

St. Josef ist eine neugotische Kirche voller Ikonografie: Gewölbe, Säulen, Buntglasfenster und liturgisches Mobiliar bilden ein dichtes, codiertes System symbolischer Kontrolle, das darauf ausgelegt ist, Bewegung, Verhalten und Denken der Menschen zu formen. Das Projekt löscht diesen Zustand nicht aus, sondern setzt ihn vorübergehend außer Kraft. In Zusammenarbeit mit dem katalanischen Kollektiv Penique Productions verhüllt eine große, aufblasbare Memran den Innenraum, nimmt das Kirchenschiff ein und neutralisiert dessen symbolische Aufladung. Anstatt die Kirche herauszufordern, verlagert die Intervention die Bedeutung des Bauwerks: Der Raum wird zu einer durchgehenden, immersiven Umgebung – weder sakral noch profan, sondern offen – in der frühere Bedeutungen in der Schwebe bleiben und neue Nutzungen entstehen können. Die Transformation erstreckt sich auch auf das Mobiliar: In Workshops wurden Kirchenbänke zerlegt und neu zusammengesetzt. Objekte, die passive, hierarchische Positionen erzwingen sollten, werden zu etwas, das neue Formen des Zusammenseins ermöglicht. Die Kirche wird nicht mehr als Ort der Andacht genutzt, ist aber auch noch keine festgelegte neue Einrichtung. (gekürzt)

Curro Claret Martí

This Is Not a Church Pew (Das ist keine Kirchenbank)
Wiederverwendete Kirchenbänke aus Holz

Der Künstler entwickelt partizipative Prozesse, die zu bewussteren und selbstbestimmteren Haltungen anregen. Dabei stellt er auch in Frage, was als „marginal“ gilt: Sei es ein Mensch, ein Lebewesen oder ein materielles Objekt, Curro Claret macht dessen Wert sichtbar. In seiner Arbeit gestaltet er Möbel, Objekte, Artefakte und Aktionen. Häufig arbeitet er dafür mit Stiftungen, Unternehmen und akademischen Institutionen zusammen, um unterschiedliche Gruppen von Menschen zusammenzubringen und gemeinsame Prozesse zu ermöglichen.

Dúo Barber-Palacios Kollektiv

How long a Clapper’s Shadow Falls (Wie weit der Schatten einer Glocke reicht)

Dieses Projekt untersucht Glocken als Instrumente des kollektiven Gedächtnisses und als Elemente räumlicher Transformation. Jede Glocke ist in der lokalen Geschichte verwurzelt und verkörpert facettenreiche Erzählungen. Gleichzeitig erzeugt sie neue akustische Identitäten. Durch eine Serie von zwölf ortsspezifischen Konzerten, die für die Manifesta 16 Ruhr konzipiert wurden, aktiviert das Projekt Kirchtürme im gesamten Ruhrgebiet als Knotenpunkte eines dezentralen Klangnetzwerks. Jede Aufführung, die als Reaktion auf die einzigartigen Eigenschaften ihres Glockenturms entwickelt wurde, erzeugt unverwechselbare „akustische Spuren“, die die Wahrnehmung des städtischen Raums neu definieren. Klang wird zu einem Werkzeug für die Kartierung des Gebiets. Die von Ortsansässigen aufgeführten Konzerte ermöglichen neue Formen kollektiver Identifikation. (gekürzt)

14.39 Uhr – St. Marien · Essen

Karnap im Essener Norden ist wohl kein touristisches Ziel. Die Kirche St. Marien aus dem Jahr 1963 besitze – so lese ich – gestalterische Anklänge und bauliche Parallelen zu den frühen Industriebauten des Ruhrgebiets (z.B. Malakow-Türme), ausgeprägt und erlebbar in ihren dunklen und hohen Backsteinformen – aufgebrochen durch einen nicht sofort fassbaren Grundriss und ein paar verteilte Buntglas-Lichtdurchlässe, die ich nicht „Fenster“ nennen würde. Wie man weiß, soll die kupferne Dachschicht nach dem Ende der kirchlichen Nutzung gestohlen worden sein. Ähnliches erleben wir beim Stromladen nach dem Besuch : An mehreren Ladestationen verschiedener Anbieter in der Nähe sind die 400 Volt-Ladekabel von Kupfer-Dieben abgeschnitten. Optisch mutet Umgebung nicht runtergekommen an. Sie besticht eher durch ausgewogene Durchschnittlichkeit und solide Normalität. Eine Straßenbahnlinie sorgt für ausreichend urbane Belebung. Wir parken beengt in der Nähe.

Hier in St. Marien beschäftigten wir uns ebenfalls nur mit einer kleinen Auswahl an Kunst. Sämtliches Inventar, bis auf den monolithischen Zelebrationsaltar, ist bereits entfernt. An den Wänden klaffen ursprünglich gefüllte Nischen wie Höhlen – z.B. für Beichtstühle, Skulpturen, Andachtsecken und die Orgel. Wegen der gestohlenen Dachhaut ist das Gebäude vor allem im Inneren sichtbar beschädigt. Am Rand ist eine beachtliche Menge demontierten und zerstörten Kirchenmobiliars aus Holz wie achtlos zusammengestellt und aufgestapelt.

Den größten Platz beansprucht eine dicke aufgehäufte Schicht an zerfetztem Material, überwiegend Papierschnippsel, die bereits vom Publikum gewollt und gesollt breit- und verteilt gestreut liegt. Ein Werk von Jason Dodge. Zufallsbedingtes Lesen, Wiedererkennen und darauf Reagieren gehört zum künstlerischen Prozess. Eine Freundin fand auf einer fragmentarischen Medikament-Verpackung ein Heilsversprechen, und damit auf Anhieb einen Bezug zur Kirche, die ähnliches äußert.

Das schlichte Kreuz an einer hohen Wand von Katharina Fritsch halte ich beim ersten flüchtigen Hinsehen noch für ein Überbleibsel aus der salkralen Vergangenheit des Gebäudes. Seine Bestimmung ist natürlich mehr bzw. weniger als ein christliches Kreuz, je nach religiöser Polarität. Wie auch im Rahmen einer Umgebung unter dem Motto This is not a church zu erwarten ist.

Unter dem früheren Platz der Orgel hängt nebeneinandergereiht und oben bündig eine nach Länge geordnete Zusammenstellung von Metallröhren, die durch ihre Anordnung an die Pfeifen eines Orgelprospekts oder an die Röhren eines Vibraphons / Marimbaphons erinnert. Obwohl ich mich bei interaktiver Kunst meist zurückhalte, schlage ich die Röhren durch Fingerschnipsen an und filme das dabei. Es ergibt sich keine gestimmte Tonleiter, sondern eine nicht-harmonische Klangfolge mit eigener Ästhetik.

Lage
im Norden von Essen zwischen Bottrop und Gelsenkirchen

Baujahr

1963

Bautyp
Hohe dunkle Höhle mit Flachdach – bestehend aus einem sich in Richtung Altar verjüngenden Septagon mit halbrundem, wenig höheren Turm an der breiten Eingangsseite und lang hinausragendem, schiffsbugartig schmalen Chor mit ansteigendem Rundabschluss. Zudem architektonische „Verzierungen“ und Aufbrüche der reinen geometrischen Grundform an den Außenwänden. Gesamteinschätzung : Architekt Hans Schilling durfte sich damals im Stil der Zeit uneingeschränkt verwirklichen. In Worten lässt sich die bauliche Hülle kaum beschreiben, und für die Fotografie fehlte der benötigten Abstand. Den besten Eindruck bekommt man in der 3D-Ansicht in Google Maps :

https://www.google.de/maps/@51.5259156,7.0088988,73a,35y,132.99h,55.2t/data=!3m1!1e3?hl=de&entry=ttu&g_ep=EgoyMDI2MDkzMC4wIKXMDSoASAFQAw%3D%3D

Konfession
katholisch

Status
Designiert für den Abriss

Jason Dodge

Das Werk erscheint nicht als feststehendes Objekt, sondern entwickelt sich im Verhältnis zu seiner Umgebung, dem, was um uns herum entsteht, und dem, was von uns abfällt, während wir mit dem Leben beschäftigt sind. Unter Verwendung wiedererkennbarer Materialien arbeitet Dodge mit Elementen, die ihre eigene Geschichte und Assoziationen in sich tragen. Diese Materialien werden in neue Beziehungen gesetzt, in denen ihre Präsenz anders wahrgenommen werden kann. Ein Prozess der Anpassung und Achtsamkeit, bei dem kleine Verschiebungen die Wahrnehmung verändern können. Es zu betrachten bedeutet, sich durch es hindurch zu bewegen – und es zu durchqueren bedeutet, dass es sich verändert. (Gekürzt)

Katharina Fritsch

Katharina Fritschs skulpturales Schaffen kreist um die präzise Inszenierung alltäglicher Motive, die sie in klare, oft markante Formen übersetzt. In St. Marien präsentiert sie ein Birkenkreuz. Vereinfacht auf eine schlichte und wiedererkennbare Form, verweist das Kreuz auf religiöse Bildsprache, bleibt dabei jedoch offen und vieldeutig. Fritschs Werke greifen auf ein gemeinsames visuelles Gedächtnis zurück, in dem sich religiöse Assoziationen und psychologische Projektionen überschneiden.  eine starke Präsenz aus und wirken oft zugleich vertraut und seltsam distanziert. Durch diese Reduktion erzeugt das Werk einen besonderen visuellen Fokus und lädt die Betrachtenden ein, einem vertrauten Symbol auf neue Weise zu begegnen. (Gekürzt)

William Engelen

Die Installation „Variation on Godspeed in 4/4 Time“ wurde eigens für den Standort konzipiert. Das Werk besteht aus 148 hängenden Rohren aus Aluminium, Stahl, Messing und Kupfer und bildet eine große, vorhangartige Struktur. Die Installation ist Instrument und Komposition zugleich. Besuchende, die die Rohre berühren und zum Klingen bringen, schaffen ihre eigenen Kompositionen. Die Klänge sind weder festgelegt noch vorhersehbar; vielmehr regen sie zum Experimentieren und aufmerksamen Zuhören an und bringen die Musik zurück in den Raum. Es erinnert an die klangliche Vergangenheit der Kirche und öffnet sie zugleich für neue Formen der kollektiven und spontanen Klangerzeugung. (Gekürzt)

14.47 Uhr – Markuskirche · Essen

Die eher kleine ev. Markuskirche liegt auf einem intimen Innenhof in einem ruhigen, hügligen städtischen Außenbezirk. Zusammen mit einer Schule und einem Gemeindehaus bildet sie eine Art Campus.

Nach dem Betreten erfassen wir sofort den sichtbaren Bestandteil (Augustas Serapinas) der hier stattfindenden Klanginstallation von Lilli Lake : Ein großes verkleidetes Podest mit Treppe zu einer auf ca. 3 Meter Höhe liegenden und besteigbaren Plattform. Der „Turm“ wurde unter Verwendung von Teilen der Kirchenbänke errichtet. Die Seitenflanken der Bänke stehen demontiert und unbeteiligt an den Wänden. Der Aufenthalt auf dem Podest bringt die Besucher*innen näher an den hörbaren Teil des Werks heran : Über elektronische Veränderung hörbar gemachte extrahierte Geräusche, welche von der hölzernen Innenverkleidung des zeltartigen Dachs erzeugt werden. Das Dach ächzt bisweilen und gibt damit Signale ab, die sich künstlerisch deuten und interpretieren lassen.

Lage
Essen Frohnhausen, nörlich und nahe der A40

Baujahr

1962

Bautyp
Zwei sich mittig kreuzende Zeltdächer mit verglasten Giebeln auf niedrigem Erdgeschoss-Sockel

Konfession
evangelisch

Status
Geweiht und in sakraler Nutzung

Lilli Lake

Rhythm looks for two (Klanginstallation, recyceltes Kupfer) 

Die Decke der Markuskirche knarrt bei jedem Wetterwechsel und erinnert Lilli Lake an ein Boot, das im Seegang ächzt. Um diese stimmungsvollen Geräusche hervorzuheben, erfasste sie die Stellen, an denen das Knarren am lautesten ist, und markierte sie mit Kupferstücken – in Anlehnung an das Blech, das zum Schutz von Schiffsrümpfen verwendet wird. Anschließend positionierte sie Mikrofone an der Decke, um das Knarren zu verstärken. Entstanden ist eine unvorhersehbare Geräuschkulisse, die den Übergangszustand der Kirche symbolisiert. Lake beschreibt das Gebäude als „eine Architektur in Bewegung, einen instabilen Körper, der sich ausdehnt und zusammenzieht, sich erinnert und vergisst“. Es spreche „nicht mehr durch Predigt und Ritual, sondern durch die Verschiebung seiner Oberflächen im Kontakt mit der äußeren Atmosphäre“. Die Geräusche werden von Stimmen begleitet, die Zufälle beschreiben, die Lake auf ihren Reisen bemerkt hat. Mit diesen Beobachtungen erweitert sie ihre Suche nach verborgenen Mustern in den Geräuschen der Decke und verbindet die Markuskirche so mit einem größeren Netz merkwürdiger Echos.

Augustas Serapinas

Pew Tower 

Die erhöhte Plattform ist typisch für Serapinas’ fortwährendes Bestreben, verborgene Räume zu enthüllen, und seine unsentimentale Herangehensweise an das materielle Erbe. Er gestaltet historische Artefakte neu, um ihr Aussehen und ihre Funktion zu verändern. Dennoch bleibt die Erinnerung an die Vergangenheit bestehen: Das Design wird durch die Länge und Form der zerlegten Bänke bestimmt – oder, wie er es nennt, durch die „Logik der Kirchenbänke“ (Gekürzt)

16.29 Uhr – Kirche Christ König · Bochum

Bevor es zur Kirche Christkönig in Bochum weitergeht, genießen wir eine Kaffeepause in der quirlig-urbanen Berliner Straße des Essener Stadtteils Frohnhausen nahe der A40 westlich der City. Google Maps führt uns anschließend über nicht mehr nachvollziehbare Strecken, vielleicht sogar im Kreis, zu der letzen Manifesta-Kirche bzw. „Nicht-Kirche“ für diesen Tag. Die große und äußerlich gut erhaltene Kirche aus Ziegelstein liegt südöstlich nicht weit vom Hauptbahnhof Bochum und erinnert wegen des Portalbaus sofort an die Dome von Minden oder Hildesheim. Man muss über eine Freitreppe zu ihr hochsteigen, und der Blick richtet sich schon vor dem Portal auf dasKunstwerk xxx. Drinnen wirkt als erstes der wuchtige Raumeindruck auf mich ein. Die beiden Seitenschiffe der Kirche vom Typ „Basilika“ sind nicht nur ebenerdig ausgebaut sowie durch Rundbogen-Arkaden mit dem Mittelschiff verbunden, sondern haben jeweils noch ein gleich gestaltetes Obergeschoss, wobei das östliche Obergeschoss durch ein großes Gemälde über die gesamte Kirchenlänge verdeckt ist. Das linke Obergeschoss ist für kleinere Kunstwerke genutzt und betretbar.

Lage
Bochum Zentrum, südöstlich vom Hauptbahnhof

Baujahr
1932

Bautyp
Basilika mit Ziegelstein-Mauerwerk

Konfession
katholisch

Status
Geweihter Raum ohne laufende kirchliche Nutzung.