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warum es in Paderborn am schönsten ist

Interview mit Schwester

By 8. Februar 2022Februar 11th, 2022No Comments

Während die Katholische Kirche, die sogenannte „Amtskirche“ in einer Langzeit-Sinnkrise und seit 2021 deutlich in einer „Missbrauchs-Krise“ steckt, welche erstere sogar bedrohlich verschärft, bis hin zu der Frage, ob die Kirche daran zugrunde geht, schaut das redaktionelle Team der Klosterlandschaft OWL („KL“) genauer hin und fragt direkt mal nach. Nicht bei der Amtskirche, sondern es stellt identische Fragen in drei klösterlichen Einrichtungen für und mit Frauen :

  • Benediktinerinnen-Abtei vom Heiligen Kreuz, Beverungen-Herstelle
  • Benediktinerinnen der Abtei Varensell, Rietberg
  • Hegge-Gemeinschaft, Christliches Bildungswerk „Die Hegge“, Willebadessen

Achtung: Die hier wiedergegebenen Antworten stammen nicht aus den drei Einrichtungen, sondern wurden von KL-Media-Designer Kalle Noltenhans unter dem Akronym „SL“ (Schwester Loyola) formuliert. Kalle begibt sich gerne in die Niederungen der Hobby-Psychologie hinab und verkauft seine Vorstellungen als Lebenserfahrung und Menschenkenntnis. Mit der Schwester duzt man sich übrigens.

KL (Klosterlandschaft OWL)
Was bedeutet Kirche für dich ?

SL
Ich hätte im Kloster nichts verloren, wenn ich mich nicht nach wie vor zur Kirche bekennen würde. Die Religion der Kirche ist das Christentum, in meinem Fall der Katholizismus, den ich für das beste halte, was einem passieren kann. Damit meine ich die Glaubensinhalte, den Segen und die Ideale, nicht das Gebaren der Amtskirche und ihrer „Würdenträger“ vom Erzbistum bis nach Rom. Viele Menschen halten uns für Teile und Repräsentanten der Amtskirche, was wir aber gar nicht sind. Wir sind d’accord mit den Glaubensgrundsätzen und fügen uns – noch – den Verhaltensregeln, wie sie auch für die anderen katholischen Christen gelten, mehr nicht. Dafür, dass der Glaube in unserem Leben eine größere Rolle spielt als im Leben der überwiegenden weltlichen Bevölkerung, haben wir uns einem Kloster angeschlossen. Wir werden neben eigenen Einnahmen von der Kirche finanziell und personell unterstützt, unterliegen aber nicht ihren Direktiven. Wir sind keine Angestellten.

KL
Die Missbrauchs-Krise hat die katholische Kirche stark erschüttert und gefährdet sie. Fühlst du dich betroffen ?

SL
Könnte ich, aber es prallt irgendwie an mir ab. Wir im Kloster wollen standhaft bleiben, nach vorne schauen, den Glauben und die Gemeinschaft in der Kirche erhalten und verbessern, die mit ihrer 2000-jährigen Geschichte einen Untergang nicht verdient hat. Die Kirche besteht auch nicht nur aus dem deutschsprachigen Raum mit seinen Problemen. Woanders läuft es erfreulicher. Was sollte denn nach dem befürchteten bzw. herbei-ersehnten Untergang kommen ? Da muss ich mich noch nicht mal schämen. Krisen gab es früher auch. Denk an die Reformation, an den Kulturkampf im 19. Jahrhundert, die Nazizeit, an die Bedrängungen in kommunistischen oder islamischen Ländern. Die Kirche wird überstehen, wenn nicht so, dann anders. So schlimm nun die Missbrauchs-Fälle und ihre systematische Vertuschung sind – ich will es keinesfalls verharmlosen – es waren Einzeltäter in Zeiten, die lange vorbei sind. In der Gesamtkirche wird eine großartige Arbeit geleistet. Wie durch eine riesige Lupe schaut man nun auf das eine Thema, spricht Schuld und erhöhen sich selbst. Eine verzerrte Sichtweise. Nicht jeder Pfarrer und jeder Bischof war ein Täter. Der Missbrauch in der Vergangenheit wird so präsent und transparent, dass er sozusagen nicht mehr möglich und damit überwunden ist.

KL
Der übergeordneten Hierarchie ging es nicht um die Opfer, sondern um den Schutz der Instition.

SL
Das sehe ich auch so, aber die Hierarchie war hilflos und konnte, ja, kann damit nicht umgehen. In Zeiten des Priestermangels die eigenen Leute für lange zurückliegende Vorfälle rauszuschmeißen, muss wohl unvorstellbar sein. Und vielleicht bestand ja die Hoffnung, dass sich erkannte Verfehlungen nicht wiederholen. Sünder dürfen auf Milde und Vergebung hoffen. Dieses Prinzip wurde auch und vor allem den Tätern in den eigenen Reihen zugestanden. Versetzungen an andere Einsatzorte waren ja bereits (unzureichende) Zeichen der Erkenntnis. Ein schreckliches Dilemma. Ich bin nicht die Öffentlichkeit und keine innerkirchliche Juristin. Ich habe keine Forderungen zu stellen und keine Urteile zu sprechen. Ich darf bedauern und beten.

KL
Das Gebet gehört zu euren Kernkompetenzen. Wie haltet ihr diese Gebetsdichte und Häufigkeit aus ?

SL
Wir beten bewusst und im Glauben der Sinnhaftigkeit. Einst beteten die Klosterangehörigen – Mönche und Nonnen – stellvertretend für die Bevölkerung, die keine Zeit oder keine Bildung besaßen. Es macht uns tatsächlich nichts aus, im Sinne von Belastung oder Langeweile. Beten ist nicht abstumpfend, sondern schön und wichtig. Diese Erkenntnis hat man nicht von Anfang an, sie wächst und entlastet mich. Man sollte aber nicht anfangen zu messen, ob Beten irgendwie hilft. Andererseits ist das Gebet besser als Streiten. Geh’ in die Kirche und bete für den Weltfrieden. Allein, oder schließe dich Gruppen an. Oder wenn du nicht mehr weiter weißt. Das ist eine sinnvolle Beschäftigung.

KL
Wir fragen dich jetzt nicht, ob du an Gott glaubst, so intim wollen wir nicht werden. Aber liebst du Gott ?

SL
In der Frage liegt die Antwort. Im landläufigen Sinn eher  nicht. Es ist keine emotionale Verliebtheit wie zwischen Paaren um die 18, und auch nicht die inbrünstige, ekstatische Liebe, wie sie uns in manchen Liedtexten des 17. bis 19. Jahrhunderts aus dem Gotteslob entgegen kommt. Lieder, die wir übrigens trotzdem gerne singen, weil sie ja nicht ganz falsch sind, nur aus heutiger Sicht ein bischen kitschig verlogen. Wir lieben – ich liebe Gott, dass er da ist und auch unser Dasein ermöglicht. Er ist der große Systemintegrator, das Betriebssystem der Welt. Der Heilige Geist ist die Software und Jesus die Hardware. Wir sind die Operator.

KL
Angesichts des hohen Grades an Verbindlichkeit, die euch bei eurer Entscheidung, eurem Gelübde für ein Leben in der klösterlichen Gemeinschaft abverlangt wird, bekommst du da manchmal Angst ?

SL
Nein, davon bin ich „Gott sei Dank“ nicht betroffen. Andere schon. Ich habe mehrere Ausstiege von Mitschwestern erlebt. Das ist gar nicht schlimm, weder für die Aussteigerinnen, noch für die Verbleibenden. Im Übrigen genieße ich ab und zu einen Urlaub „draußen“. Wir sind kein strenger Orden mit Schweigegelübde und unbedingter Klausur. Draußen und bei vielen Aktivitäten auch innerhalb des Klosters laufe ich in „zivil“ rum und genieße ein paar Freiheiten – alles ganz harmlos, versteht sich. Alle hier haben Internet und Smartphones. Wir stumpfen nicht ab und bekommen vieles von der Welt mit.

KL
Gibt es eine strenge Gehorsamspflicht bei euch ?

SL 
So stellt man sich vielleicht vor. Wir begegnen uns auf Augenhöhe. Niemand hier ist dumm oder braucht eine strenge Führung. Die Alternativen sind allen klar, Ausstieg bleibt immer als ultima ratio, das wissen die Beteiligten und bleiben respektvoll und vernünftig.

KL
Was wünschst du dir für die Zukunft ?

SL
Das Übliche: Ganz schnell ganz viel Geld (lacht). Das war ein Scherz. Das Übliche soll heißen: Weg mit dem Zölibat und dem alleinigen Männer-Priestertum. Die Protestanten sollten etwas katholischer werden und die die Katholiken etwas evangelischer. Dann würde es schon besser laufen.

KL
Wir würden gerne noch weiterfragen, aber lassen es für heute gut sein.

SL
Gelobt sei Jesus Christus – echt jetzt.